Montag, 11. Mai 2015

Drei Jahre Leben

Jihad
Dass Jihad am Moritzplatz in Berlin steht und auf mich wartet, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Als ich auf ihn zugehe, ihn anlächle und er mich erkennt, wird mir noch einmal bewusst, dass er einer von denen ist, die es geschafft haben. Dass er mit dem Leben davongekommen ist, während andere ihres verloren haben. Warum? Weil sie leben wollten.


Warum ich über ihn schreibe? Weil ich mir keine Gedanken über mein Überleben machen muss. Weil es mir so verdammt gut geht. Ich muss nicht erst verstehen, warum Menschen wie Jihad ihr Land verlassen. Das kann man sich an zwei Fingern abzählen, wenn man die Bilder aus Syrien und speziell aus Yarmouk sieht. Was mich interessiert, sind die Menschen. Ihre Geschichten. Das, was sie bewegt, was sie antreibt. Ich will wissen, woher sie den Mut nehmen, sich aufzumachen. Sich Tausende Kilometer von zuhause entfernt in einem fremden Land niederzulassen, dessen Sprache sie nicht sprechen. Ohne Freunde, ohne Familie bei Null anfangen.

 Jihad ist 25 und seid knapp einem Jahr in Berlin. Geboren und aufgewachsen ist er im Camp Yarmouk - dem Teil von Damaskus,  der überwiegend von palästinensischen Flüchtlingen, mittlerweile schon in der zweiten und dritten Generation bewohnt wird. Camp Yarmouk ist nicht groß - 2,1 km² und doch ist es Heimat. War Heimat, möchte man fast sagen, denn seit Anfang des Jahres toben dort heftige Kämpfe, verschanzen sich immer wieder IS-Extremisten, schießen Regime-Gegner um sich, wirft die Regierung Syriens Bomben, um die Rebellen zu vertreiben. Im Camp Yarmouk steht eigentlich kaum mehr ein Stein auf dem anderen und Leidtragende sind wie in allen Kriegen die Zivilisten.

150.000 Palästinenser lebten bis vor Kurzem noch dort. Jetzt sind es nur noch rund 16.000 Menschen, darunter 3.500 Kinder. Alle anderen sind tot oder so wie Jihad geflüchtet. Die letzten harren aus, wollen oder können nicht gehen, wie der Pianist Aeham Ahmad oder die Eltern von Jihad. "Ich vermisse Yarmouk" sagt Jihad, schaut auf den Boden und fügt leise hinzu: "Manchmal weine ich nachts." Er zeigt mir Bilder. Von seiner Frau, die es in die Türkei geschafft hat und die er nach Deutschland holen will. Von seinem Onkel, der in Yarmouk ermordet wurde. Dann zeigt er mir ein Bild von einem Kleinkind. Ich will gerade lächeln und sagen wie süß es ist. "Auch tot." bemerkt Jihad. Wie viele seiner Freunde.

Welche Staatsbürgerschaft er jetzt hat, möchte ich von ihm wissen. "Gar keine." antwortet er und zeigt mir seinen Ausweis. Dort, wo sonst ein Land steht, mit dem man im Moment seiner Geburt verwurzelt ist, sehe ich nur das: XXX. Jihad ist staatenlos. Alle in Syrien geborenen Palästinenser sind staatenlos. Dieses Schicksal teilen sie mit denen, die im Westjordanland oder im Gazastreifen geboren sind. Ich schlucke, denke kurz, was für ein glücklicher Mensch ich doch bin und frage ihn, wie er nach Deutschland gekommen ist. Er lacht und beschreibt mit seinem Arm einen großen Bogen. Über Libyen, Algerien, dann von dort über das Mittelmeer nach Italien, Österrreich und schließlich nach Berlin. Alles illegal, alles nur möglich über "Schmuggel" wie er sagt. Gleich in Libyen hat man ihm sein Geld geklaut. Geschafft hat er es trotzdem. Weil er Menschen fand, die ihn unterstützt haben.

Und jetzt? Wie geht es weiter für ihn? Jihad holt ein Schreiben aus der Tasche. Einen Brief vom Jobcenter mit einem Stellenangebot. Stolz zeigt er ihn mir. "Aber ich muss Deutsch sprechen." Er lacht wieder. "Deutsch ist hart." Irgendwann wir er sich eine Wohnung suchen. Später dann, wenn seine Frau kommt. "Und wie lange kannst du hier bleiben?" frage ich. "Erst mal drei Jahre." antwortet er.

Drei Jahre. Drei Jahre Frieden. Drei Jahre Sehnsucht. Aber vor allem eins: drei Jahre Leben!

An der Stelle der Hinweis auf den Film “Io sto con la sposa” (Auf der Seite der Braut), der in den nächsten Wochen in einigen deutschen Städten gezeigt wird. Eine Dokumentation einer abenteuerlichen Flucht aus Syrien.



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